NEWS in eigener Sache: der Blog Lovenomics wird bis auf Weiteres nicht mehr aktualisiert. In Zukunft blogge ich als „Dr. Strangelove“ für die Neue Zürcher Zeitung!

Seid dabei: http://drstrangelove.blog.nzz.ch/

Strangelove_Matuschek

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Hier auf vielfachen Wunsch nochmal in voller Länge. Der Artikel erschien am 23.09.2014 in gekürzter Fassung in der „Neuen Zürcher Zeitung“ und ist unter folgendem Link abrufbar: http://www.nzz.ch/meinung/debatte/wir-verwoehnten-kinder-der-neuzeit-1.18388707

Die Einstellung der „Generation Y“ zum Leben ist vor allem von Risikoaversion geprägt. Und das, obwohl es noch keiner Generation so gut ging, wie ihr. Dahinter steckt nicht nur eine Form der Zukunftsverweigerung, sondern auch ein unausgesprochener Generationenkonflikt.

Was wird meine Generation eigentlich irgendwann der Nachwelt hinterlassen? Kinder sind es schon mal nicht. Vermutlich sind es vor allem Statusmeldungen. Und die klingen so: „Ich musste heute zwei Blocks entfernt von zu Hause parken, furchtbar“. Oder: „Der Kellner ließ mich zehn Minuten warten, noch nie wurde ich so gedemütigt“. Und schließlich: „In meinem Salat war definitiv zu viel Ziegenkäse“. Die Statements finden sich auf der Internetseite „First World Problems“. Es sind digitale Feldpostbriefe einer Bored Generation, die nie in den Krieg musste oder existentielle Not kannte, ein Ticker der Belanglosigkeiten einer selbstbetitelten Digitalen Bohème, die erstmals alles hatte und genau an diesem Überfluss zu ersticken droht. Wenn ich mir vorstelle, unter welchen Bedingungen noch meine Großeltern leben mussten, wird mir meine Existenz in der Wohlstands-Bubble besonders bewusst.

Das Problem der zwischen 1980 und 2000 geborenen „Generation Y“ („why“ gesprochen) sind nicht die zu vielen Optionen oder das seichte Lebensgefühl des „vielleicht dies, vielleicht das“. Ihr Problem ist, dass sie keine Probleme mehr kennt. Erst das Praktikum in Nicaragua und dann studieren? Erst noch die Welt retten oder lieber gleich einen Master machen? Wir streiten über Lifestyle-Themen, über glutenfrei oder gleich vegan, über zu viele Hipster in Großstädten und lange Schlangen vor den Lieblingsclubs. NSA? Gaza? Syrien? Das sind Probleme der anderen.
Wir hingegen, die mit dem Glauben an die eigene Großartigkeit aufgewachsen sind, beschäftigen uns lieber mit dem Warten auf die Belohnung, die uns immer versprochen wurde für das Abhaken der großen Lebensziele, wie Ausbildung, Abitur und Studium. Wenn dann das erste Praktikum nicht gleich 2000 Euro einbringt, weinen wir, pardon, „why-nen“ wir. Die „Generation Y“ ist vor allem eine Generation „Y-eich-Ei“. Wir sind die Generation Jammerlappen.

Um zu verstehen, was uns umtreibt, genügt ein Blick auf unsere Träume und Ziele. Was denkt die Jugend? wonach streben leistungsfähige Akademiker? Machen wir es kurz: Junge Menschen in Deutschland träumen vom Staatsdienst. Ja, richtig: von Beamtenstuben, Eingangsstempeln, Filterkaffee und bohnergewachsten Fluren mit Porträts der Bundespräsidenten. Wem es noch nicht klar war, der nehme es jetzt zur Kenntnis: diese Generation will nicht gestalten, sie will verwalten. Ein gutes Drittel der Befragten favorisiert laut einer aktuellen Erhebung der Unternehmensberatung Ernst & Young den staatsfinanzierten Sektor. Als das mit Abstand wichtigste Kriterium nannten 61% der Befragten: Jobsicherheit.

„Staat statt Start-Up“ lautet die Devise. Wohlgemerkt: in einer der reichsten Industrienationen der Welt, dem Land der mutigen Mittelständler, Erfinder und Denker und der fast niedrigsten Arbeitslosenquote Europas. Was ist nur los mit uns? Abenteuer, Internationalität, das Neue und Unbekannte? Ok, das wollen wir auch, aber bitte mit mindestens Besoldungsstufe A 13, Auslandszulage und der Möglichkeit, auch mal nach New York oder Rio zu wechseln. Der beliebteste Arbeitgeber ist seit Jahren das Auswärtige Amt. In mir wächst ein furchtbarer Verdacht: Meine Generation ist bei weitem nicht so kreativ, hip und ausgeflippt, wie sie gerne auf ihren Instagram-Photos und in ihren Facebook-Postings tut.
Karriereziele sind das eine und durchweg legitim. Beängstigend ist die Mentalität dahinter, die mit dem Wunsch nach Verbeamtung auf Lebenszeit einhergeht. Wir wagen nicht das Unbekannte, wir verwalten das Bestehende. Wir produzieren nichts mehr aus uns selbst heraus, wir führen von außen zu, egal ob es Rausch ist, Anerkennung oder Liebe. Wir sind in die Abhängigkeit gepäppelte Wohlstandsbehinderte.

„Risikofrei und Spaß dabei“ lautet die neue Chiffre. Unsere Komfortzone aus Fluffigkeit und Plüschigkeit umgibt uns in allen Bereichen des täglichen Lebens: Wir bekommen bessere Noten als frühere Generationen und wissen doch weniger. Wir flirten ohne sichtbare Ablehnung bei Tinder, einer App, die das Thema „Korb“ nicht kennt. Wir nuckeln an kohlenmonoxidfreien e-Zigaretten mit Zimt-Geschmack. Wir sind alle hochbegabt, liebenswert und großartig. Und alles, was wir tun, gefällt. Nicht zufällig lautet das Lieblingswort eines deutschen Talkmasters „sensationell“.
Schuld an dieser Geisteshaltung sind auch die Generationen vor uns. Das große Thema der 68er lautete „Anerkennung“, wie sie unter anderem der Frankfurter Sozialphilosoph Axel Honneth theoretisiert hat. Übertragen auf die Pädagogik als erstes Übungssystem wurde daraus das „anything goes“ und die heute in allen Bereichen vorzufindende Grußkärtchen-Esoterik der „Achtsamkeit“. Doch wer nur anerkennt und „gut findet“, macht zuerst abhängig und betrügt zuerst sich und schließlich andere.

Der Aufstieg der „Generation Y“ ist das Folgeprodukt der Selbstauflösung von Autoritäten, dem Seiten- und Lagerwechsel von Lehrern, Eltern und Professoren. Heute „liked“ man einander auf Facebook und fragt sich angesichts des unheilvollen Widerspruchs dieser asymmetrischen Kumpanei zugleich, ob wir „Why-er“ stets deshalb nie so gefordert wurden, weil die vorherige Generation, die wohl oftmals selbst zu hart angefasst wurde, vor allem geliebt werden wollte. An meinem Gymnasium in einer oberbayerischen Kleinstadt gab es in meinem Abiturjahrgang 2000 nur noch ein Lehrerehepaar, das als streng galt oder auch als „konservativ“. Sie standen schon kurz vor der Pensionierung. Es waren die einzigen, an die ich mich heute noch lebhaft erinnere, da es zugleich diejenigen waren, denen die Sorge um die Schüler wirklich anzumerken war.

Danach kamen die Einflüsterer, die aus Mittelmaß schon Hochbegabung machten, oder den Umständen ankreideten. Entlastungspädagogik war angenehm für alle, auch die Eltern, aber sie hat uns weichgemacht. Weil uns nie viel abverlangt wurde, fallen wir heute mit erhöhtem Stresslevel sogleich ins Wach-Koma des Burn-Outs, als wäre die Couchlägerigkeit der Normalzustand. Befördert werden wollen wir aber trotzdem schon sofort. Entlohnung für bloße Anwesenheit, das ist Beamtenmentalität. Wir wollen Applaus für Dienst nach Vorschrift. Als junger Dozent erlebe ich dieses Dilemma jeden Tag: Wer als Pädagoge Ruhe haben will, beschenkt. Wer Sturm säht, wird Shit ernten.

Als „Hiatus“ betitelt der Philosoph Peter Sloterdijk in seinem neuesten Werk „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“ das Phänomen, die eigene Existenz nicht mehr als Folge einer kulturellen Traditions- und Vererbungsgeschichte zu sehen, sondern sich aus dem Nichts zu erschaffen, einem Napoleon gleich, der sich die Kaiserkrone gleich selbst aufsetzte. Insofern ist die „Generation Y“ alles andere als „schrecklich“. Sie gleicht schon phänotypisch der Elterngeneration und verfolgt auch die gleichen kleinbürgerlichen Ziele nach Sicherheit und Miniaturwohlstand.
Der einzige Unterschied ist, dass wir den Kreditvertrag in Frage stellen, auf dem bisher das „Leben“ beruhte: verleihe schon jetzt über Jahrzehnte deine beste Lebenszeit gegen Geld, dann bekommst du (vielleicht) später in Form der Rente einen Minimalzins an Lebensqualität zurück. Die „Generation Y“ ist der neutestamentarische „verlorene Sohn“, der schon Anfang 30 nach dem Erbteil fragt. Die Rente ist nicht sicher, der Erbteil schon. „Her mit dem schönen Leben!“, so lautete auch mal das Motto der Globalisierungskritiker um ATTAC. Selbst unser Altruismus musste hedonistisch sein. Was früher Weltverbesserung war, heißt heute Selbstoptimierung. In unserer Haltung revolutionäre Anwandlungen zu sehen, bedarf einiges an Phantasie. Natürlich stellen wir die Lebensbedingungen vom Kopf auf die Füße. Zuerst kommt das Leben, dann die Arbeit. Die Gegenwartsverhaftung kulminiert in der Chiffre #Yolo („You only live once“).
Doch die Umsetzung ist nicht zupackend und lebensbejahend, sie ist passiv. Jeder kann sich auf sie verständigen, denn sie verlangt niemandem etwas ab. Wir verändern die Welt anstrengungslos. Selbst wenn wir uns für irgendetwas einsetzen, unterschreiben wir meist nur eine Petition im Internet. Wir sind die passivsten Aktivisten, die es je gab. Elan entwickeln wir, wenn überhaupt, nur als Eventmanager unserer Facebook-Timeline, die wir mit lebenswerten Ereignissen auffüllen, als hinge davon unsere Existenz ab.

Unsere Revolution ist der Siegeszug des „Chill mal“. Doch diese Haltung ist letztlich parasitär. Wir profitieren vom Gegebenen und fügen nichts hinzu, außer vielleicht mal eine neue App. „What will your verse be?“, fragte der engagierte Lehrer John Keating (dargestellt von dem kürzlich verstorbenen Robin Williams) seine Schüler in dem Film „Club der toten Dichter“. Ich weiß es nicht. Meine einzige Sorge ist die Schlusspointe dieses Textes und dass mein Akku hält. Aber weißt du, Baby, vielleicht ist es auch egal, Baby, denn irgendwann werden wir alt sein und uns fragen, was all diese Generations-Selbstbeschreibungen genützt haben, Baby, denn das stand ja auch schon alles in unseren Statusmeldungen, Baby und statt das hier zu lesen hätte man vielleicht auch ein lustiges Katzenfoto posten können oder das Video von dem krassen Typen auf der Slackline und man wäre genauso schlau, hätte aber wenigstens ein paar Likes von seinen Freunden bekommen.

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Erschienen am 22.03.2014 auf WELT Online (http://www.welt.de/vermischtes/article126076386/Onlinedating-Partnersuche-an-der-Grenze-zum-Betrug.html) und am 20.03. in der WELT/Print.
#romantischesmanifest

Ein promovierter Jurist, der an der Sorbonne in Paris lehrt, hat sich mit wissenschaftlichem Rüstzeug dem Zustand der Liebe in Onlinezeiten angenommen. Herausgekommen ist ein „romantisches Manifest“. Von Til Biermann

In seinem wunderbaren Buch „Das romantische Manifest“ (Ch. Links Verlag) beschreibt der 1980 in Polen geborene Autor Milosz Matuschek das Dilemma bei der modernen Partnersuche, wo oft die „fürsorglich-mütterliche Vamp-Frau“ und der „romantische, empathische, männliche Investmentbankertyp“ gesucht werden. Dabei gilt oft die Annahme, dass der, der sich zuerst verliebt, schon verloren hat. Matuschek selbst suchte Kontakt zu mehr als 2000 Frauen in Onlinedatingbörsen und ist währenddessen „sozial verkümmert“, wie er schreibt. Im Interview mit der „Welt“ erklärt er, was „Lovenomics“ sind und warum er den Zustand der „Liebe als Kiribati“ bezeichnet.

Die Welt: Sie beschreiben das „Geschenk der Liebe“ in der heutigen Zeit als „trojanisches Pferd“, was meinen Sie damit?

Milosz Matuschek: Ich glaube, wir leben insgesamt in einer liebesarmen Zeit und misstrauen der Liebe. Nach außen geben wir vor, dass sie das Wichtigste im Leben ist. Tatsächlich gehen wir jedoch kalkuliert vor und versuchen in Liebesdingen stets besser wegzukommen als der Partner, also auf dem Emotionskonto im „positiven Bereich“ zu bleiben. Liebe ist aber immer auch mit Anstrengungen verbunden, mit Opfern, Schmerz und Altruismus. Letztlich haben wir Angst vor der Liebe, da wir glauben, durch eine zu intensive Bindung etwas zu verpassen. Daher das Bild des trojanischen Pferds. Vielen geht es heutzutage mehr um die emotionale Rundumversorgung, den schnellen Verliebtheitskick in Serie und die Frage: Wie viel investiere ich an Zeit und Gefühl? Wie viel bekomme ich wie schnell zurück? Was sich nicht schnell genug auszahlt, wird ersetzt.

Die Welt: Sie schreiben, die Beziehung zwischen Menschen sei ähnlich geworden wie die Beziehung zwischen Kunde und Produkt. Das höchste Gut sei die Maximierung des Nutzens und: „Liebe, so scheint es, ist die Banane des Westens.“ Ist Ihr Buch auch eine Art Kapitalismuskritik?

Matuschek: Ja, in der Tat. Mich stört am Kapitalismus vor allem, dass er alle, selbst persönlichste Lebensbereiche zu kolonisieren scheint und dem immer gleichen funktionalen, nutzenorientierten Denken unterwirft. Wir sind in der westlichen Welt materiell reich und emotional verarmt. Der moderne Mensch ist auch in der Liebe ein „homo oeconomicus“ geworden. So wie wir uns Schuhe im Internet bestellen, suchen wir uns auch den Partner aus. Wenn alle Kriterien vereint sind, glauben wir, uns verlieben zu können. Diese Logik der Passgenauigkeit und Optimierung in allen Lebensbereichen halte ich für enorm schädlich und glaube auch, dass wir dadurch der Liebe nicht nähergekommen sind. Die Zahlen scheinen das zu bestätigen: Obwohl wir aufgrund moderner Anbahnungsformen, wie dem Onlinedating, seit circa zehn Jahren so effizient wie noch nie suchen, haben wir heute mehr Singlehaushalte denn je.

Die Welt: Hat nicht auch schon die Urfrau in der Höhle den Mann mit der größten Keule gewählt, der versprach, sie und den Nachwuchs zu beschützen und genug Mammutfleisch heranzuschaffen?

Matuschek: Über dieses Stadium sollten wir ja im besten Fall hinaus sein. Insofern ist Romantik im Grunde ein Luxus der Neuzeit. Das Gefühl über das Kalkül zu stellen und auch über die Versorgungssicherheit geht nur, wenn ausreichend materieller Reichtum gegeben ist und auch die Frau vom Mann ökonomisch unabhängig ist. Beides ist heute grundsätzlich gegeben. Insofern könnten wir heute das romantischste Zeitalter erleben, das wir je hatten. Doch das Gegenteil ist der Fall, was im Grunde widersprüchlich ist. Auch heute orientieren sich Frauen überwiegend nach Männern mit höherem Status, also was Geld, Körpergröße und Bildungsniveau angeht. Und Männer sind auch nicht viel besser und sehen Frauen überwiegend als Beute, als sogenanntes „Trophy Wife“. Insofern haben Sie recht: Wir lieben ziemlich archaisch. Die romantische Liebe ist nicht auf der Höhe der Zeit.

Die Welt: Sie zitieren Johnny Cash, wenn Sie schreiben, der moderne Partner sei ein Personal Jesus. Was meinen Sie damit?

Matuschek: Damit meine ich, dass wir den Partner zur Erlöserfigur stilisieren und ihn damit überfordern. In dem Maße, wie die Bedeutung der Religion zurückgeht, scheint die Bedeutung der Partnerschaft zuzunehmen. Wir wollen heute einen Partner, der quasi übermenschlich ist, das kann nicht funktionieren. Umfragen bestätigen, dass viele Singles allein sind, weil sie nach eigenen Angaben „zu hohe Ansprüche“ haben. Ich plädiere da eher für eine irdische Variante. Der Partner ist erst mal kein Anspruchserfüller, Freizeitanimateur und Weltbildstabilisator. Sondern einfach nur ein Mensch. Hinter der Suche nach dem persönlichen Jesus steht letztlich auch wieder eine Schnäppchenmentalität.

Die Welt: Was sind „Love-Quality-Index“ und „Lovenomics“?

Matuschek: Damit kritisiere ich unsere Marotte, auch die Liebe (wie sonst so vieles) als messbare Ressource aufzufassen und zu optimieren. Ich glaube nicht, dass man sich Liebe erarbeiten kann oder durch intensive Beziehungsarbeit Liebe herbeireden kann. Davon leben Psychologen und die Ratgeberliteratur. Liebe ist entweder da oder nicht. Man kann Kommunikation und Verständnis verbessern, nicht die Liebe. Mit „Lovenomics“ charakterisiere ich die moderne Liebe als ökonomische Größe. Ich glaube, dass wir verlernt haben zu lieben und stattdessen unsere Entscheidung für den Partner einer Art ökonomischem Kalkül unterwerfen, das wir dann nachträglich mit romantischen Codes und Symbolen ausschmücken. Das Kalkül steht im Vordergrund, das Gefühl ist das Accessoire. Unsere Art zu lieben ist immer noch arrangiert. Nicht durch die Gesellschaft oder die Familie, sondern durch den Markt.

Die Welt: Sie schreiben, dass die wirtschaftlich erfolgreichsten Filme – wie „Titanic“ oder auch „Avatar“ – als Plot eine romantische Geschichte haben, zwischen Menschen beziehungsweise Wesen aus verschiedenen Schichten. Menschen scheinen solche Plots zu lieben. Warum gibt es solche ungleichen Liebesgeschichten so selten in der Wirklichkeit?

Matuschek: Das ist eine gute Frage. Es gibt ja immer auch ungleiche Pärchen, Gott sei Dank. Aber sie sind selten. Insgesamt ist die moderne Art zu lieben ein höchst ordentlicher Vorgang. Wir haben es gerne übersichtlich. Romantische Liebe in der Auffassung der Romantiker war noch ein Sprengstoff für soziale Schichten. Heute ist Liebe eher deren Zement. Vielleicht leben wir in diesen Geschichten eine Art Sehnsucht nach der Urliebe aus, die wir im Alltag aber nicht wollen, weil sie uns zu anstrengend wäre. Wir erinnern uns: die Begeisterung von Akademikereltern aus der New Yorker Oberschicht über den Unterschichtentanzlehrer ihrer Tochter hielt sich doch stark in Grenzen. Ich rede von „Dirty Dancing“. Diese Art der Liebe gibt es deshalb vor allem in der Nichterfüllung, wie bei Romeo und Julia. Oder wie der Soziologe Niklas Luhmann sagte, im „Noch nicht“, also in der Verhinderung.

Die Welt: Sie zitieren das jüdische Sprichwort „Die Enttäuschung ist der Zinseszins des Selbstbetrugs“. Was meinen Sie damit in Bezug auf Partnerfindung?

Matuschek: Ich glaube, dass wir viel zu hohe Ansprüche an unsere potentiellen Partner haben und dadurch selbst Enttäuschung produzieren. Ein gutes Beispiel hierfür sind Onlinedatingportale, auf welchen sich bekanntlich Frauen gerne ein paar Kilo leichter und Männer gerne ein paar Zentimeter größer und ein paar Euro reicher machen. Jeder, der so ein Profil ausfüllt, sieht sich tendenziell in einem besseren Licht, als in der Realität. Das ist vermutlich eine ganz natürliche, kognitive Verzerrung. Wir können über uns selbst nicht objektiv urteilen. Wir schreiben nun mal in der Hobbyrubrik auf Datingportalen lieber „Interesse für Kunst und Literatur“ als „liege auf der Couch und gucke ‚How I Met Your Mother'“, weil wir uns schon oft vorgenommen haben, mal wieder ein gutes Buch lesen zu wollen oder in die Oper zu gehen. Dann wundern wir uns aber natürlich, wenn andere es ebenso machen und reklamieren, wie im Kaufhaus, wenn es nicht so ist. Dabei stand der Selbstbetrug am Anfang.

Die Welt: Sie schreiben, dass romantische Liebe von uns verlangt, in einem anderen Menschen etwas zu sehen, das vorher nicht da war. Haben Sie ein Beispiel?

Matuschek: Ja, und zwar meine ich damit den Prozess des Sich-Verliebens im Allgemeinen. Ich glaube, dass das ein zutiefst kreativer Prozess ist, der von uns Menschen eine besondere Wahrnehmungsfähigkeit, einen Sinn für Ästhetik, für das Schöne und Besondere verlangt. Die Liebe beginnt immer mit der Überhöhung der anderen Person. So wie der Betrachter eines Gemäldes in seiner Fantasie mehr sieht als Farbtupfer auf einer Leinwand, sieht auch der sich Verliebende mehr in der anderen Person, als vielleicht bisher da war. Leider wird unser Denken heute mehr auf die Abschöpfung des direkten Nutzwerts trainiert. So verhindern wir diese Art der Welterfahrung ganz effizient und stehen uns selbst im Weg.

Die Welt: Sie schreiben, man sollte sich von Onlinedatingplattformen abmelden. Warum?

Matuschek: Ich halte diese Plattformen für Kaffeesatzleserei an der Grenze zum Betrug. Ich meine damit die Partnervermittlungsportale, die mit Persönlichkeitstests und Matchingpoints hantieren und auf dieser Basis die Zukunft für zwei Menschen, die sich noch nie gesehen, gesprochen, gespürt haben, vorausberechnen wollen. Insgesamt stört mich am Internetdating, dass diese Art des Kennenlernens die Entstehung des kreativen Prozesses, den wir gerade beschrieben haben, stört und dadurch die Liebe verhindern hilft! Im Internet haben wir oft zu viele Informationen über eine andere Person und bauen uns daraus ein Bild im Kopf zusammen, das nicht der Realität entspricht. Das Internet prägt uns bildlich quasi vor und nimmt den Schöpfungsprozess in Besitz. Das versperrt uns letztlich den echten Blick auf die reale Person. Das ist in etwa so, wie wenn man zuerst die „Harry Potter“-Filme anschaut und dann die Bücher liest. Dann ist es schwer, sich Harry Potter anders als mit dem Gesicht von Daniel Radcliffe vorzustellen. So wie hier ist es, glaube ich, auch beim Kennenlernen: Der direkte, unverstellte Kontakt ist durch nichts zu ersetzen.

Die Welt: Sie zitieren den Romantiker Ludwig Tieck mit dem Satz: „Lieber eine gute Unordnung als eine schlechte Ordnung“. Was meinen Sie damit in Bezug auf die Liebe?

Matuschek: Ich glaube, dass wir eine Tendenz haben, die Liebe gefügig zu machen. Sobald die Liebe entsteht, wird sie in Regelstrukturen gepresst und mit Sanktionen umzäunt. Wir haben einen Hang dazu, Liebe zu institutionalisieren. Dabei ist sie ein „rebellischer Vogel, der keinem Gesetz gehorcht“, wie es in der Oper „Carmen“ heißt. Sobald wir den Vogel einsperren, hört er oft auf zu singen. Wir sollten uns schon überlegen, ob wir nicht zu besitzorientiert in der Liebe sind und uns letztlich gegenüber dem Partner verhalten wie Kontrolleure, Ermittler und Richter. Es gibt nichts Traurigeres als alte Pärchen, denen man ansieht, dass sie nur noch Museumswärter ihres eigenen erstarrten Glücks sind.

Die Welt: Sie raten, die Karrierefrau sollte sich auch mal den kleinen Pizzabäcker nehmen und der suchende Herr die dicke Frau mit den Sommersprossen. Man solle sich dem „Diktat eines Lebens nach dem Klischee der Korrektheit“ verschließen. Sind Sie in einer Beziehung und haben Sie solch eine Wahl getroffen?

Matuschek: Das ist natürlich sehr privat. Aber sagen wir so viel: Meine Freundin und ich hätten uns über das Internet vermutlich nie kennengelernt. Ich glaube auch, dass unsere Matchingpoint-Statistik miserabel wäre. Vielleicht haben wir uns ja deshalb nach drei Jahren Beziehung noch etwas zu sagen.

Die Welt: Sie beschreiben den modernen Zustand der „Liebe als Kiribati“, was meinen Sie damit?

Matuschek: Kiribati ist eine Inselgruppe im Pazifik, die aufgrund des steigenden Meeresspiegels irgendwann von der Landkarte verschwinden wird. Ich frage mich, ob die romantische Liebe ebenfalls eine bedrohte Insel ist, die aber durch die Art, wie wir denken und handeln, gefährdet ist. Die Moderne ist bei allen Errungenschaften auch eine Epoche der Existenzgefährdung- und -vernichtung. Es wäre eine fürchterliche Utopie, wenn wir romantische Liebe irgendwann nur noch historisch oder literarisch wahrnehmen würden.

Die Welt: Sie haben sich ausführlich mit Onlinedating und mit den philosophischen, wirtschaftlichen und psychologischen Grundlagen von Liebesbeziehungen zwischen Menschen beschäftigt. Haben Sie noch einen Tipp für Partnersuchende?

Matuschek: Ja, habe ich. Nicht auf Tippgeber zu hören. Skeptisch zu sein, wenn von Methoden, Algorithmen, Liebescodes oder manipulativen Verführungstechniken gesprochen wird. Es mag Techniken geben, die das Kennenlernen anderen Personen begünstigen, was ja immer ein guter Anfang ist. Viele Leute sind ja auch wahnsinnig schüchtern. Wie Liebe entsteht, hat jedoch noch keiner herausgebracht. Ratgeber und Coaches leben ganz gut davon, das Kennenlernen als relativ kompliziert darzustellen. Oftmals wird es aber erst dadurch kompliziert, dass Menschen anfangen, Sätze für ihre Dates auswendig zu lernen und derartige Techniken anzuwenden. Die Lösung ist dann oft Teil des Problems. Ich bin gegen alles Planvolle und Kalkulierte in der Liebe.

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http://www.cicero.de/salon/das-romantische-manifest-oekonomisierung-der-liebe-matuscheks-neuem-roman/57149

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Am heutigen Valentinstag ruft uns die Industrie wieder dazu auf, ein Zeichen für die Romantik zu setzen. Dabei war sie nie so gefährdet wie heute. Zeit, sich zu wehren.

Es gibt einen Ort, den es in Paris am Valentinstag tunlichst zu meiden gilt, und zwar am besten jenseits einer Bannmeile von zwei oder mehr Kilometern: den Eiffelturm. 364 Tage im Jahr mag Liebe das intimste Gefühl zwischen zwei Menschen sein. Nur nicht am heutigen Gefühls-Gruppenzwangstag. Denn an diesem gilt es stets aufs Neue das Unbeweisbare zu beweisen. Mit einem Foto vor dem stählernen Phallus der französischen Hauptstadt glaubt inzwischen die halbe Welt, der Dokumentationspflicht ihrer Liebe Genüge zu tun. Und auch sonst hat die Romantikindustrie gut vorgesorgt und bietet ein reiches Sortiment an Symbolprodukten und kostenpflichtigen Freizeitaktivitäten. Für die Ur-Idee der Romantik war Liebe unbezahlbar. Heute gibt es Mastercard.

Das Bohei um die Liebe in der westlichen Welt wäre nicht weiter schlimm, wenn es uns mit Liebe und Romantik tatsächlich so ernst wäre, wie wir in Umfragen gerne behaupten. Doch wir sind nicht romantisch. Acht Millionen Deutsche, fast die Hälfte aller Singles, durchforsten Onlinedatingseiten wie Kataloge oder verlassen sich auf die Algorithmen großer Partnervermittlungsfirmen. Man trifft sich bei Speed-Dating-Events und entscheidet nach wenigen Minuten Lebenslaufabgleich, ob man sich verlieben könnte. Der neueste Renner ist die Smartphone-App „Tinder“, bei welcher man auf Basis eines einzigen Fotos durch eine Wischbewegung aussortiert, ob man sich attraktiv findet. Was wir heute Liebe nennen, ist tatsächlich lovenomics: Wir treffen kriterienbasierte Auswahlentscheidungen und rechtfertigen diese nachträglich mit romantischen Codes.

Der Valentinstag ist kein Feiertag der Liebe, er ist der Weltgedenktag für die Kopplung der Liebe an die Warenästhetik. Und ein Kaleidoskop unserer Konformität. Das Hauptanliegen der Romantiker war die radikale Demokratisierung der Liebe. Sie galt einst als Sprengstoff gesellschaftlicher Grenzen. Heute ist sie wieder deren Zement. „Bildungshomogamie“ nennen Soziologen das Phänomen, dass das Uni-Diplom heutzutage in Deutschland nicht mehr nur Berufsqualifikationsurkunde ist, sondern zugleich ein Berechtigungsschein in der Lotterie um das Herz von Akademikern. „Sorry, date nur graduates“, las ich mehr als einmal im Statementtext auf einer Onlinedatingplattform. Allen feministischen Errungenschaften zum Trotz kennt die Liebe der vermeintlich so modernen Frau nur eine Richtung: nach oben. Damit ist nun endlich Gleichberechtigung geschaffen: denn auch der Mann denkt bei der Liebe gerne in der Logik der Trophäe.

Um wie viel freier lieben wir im kapitalistischen Westen tatsächlich gegenüber anderen Kulturkreisen oder früheren Zeiten? Was anderswo noch Mitgift heißt, ist bei uns die Statusgleichheit. Was früher der Stand war, ist heute der Bildungsgrad. Was früher der Zwang der Sippe oder Familie war, ist heute der Anspruch der beruflichen oder privaten peer group, sich bloß nicht unter Wert zu verkaufen. Die Kuppler von früher sind die Steuerberater von heute. Das Arrangement der Eltern wurde durch das Arrangement des Marktes ersetzt. Was in der Sprache der Romantik die oder der „Richtige“ war, ist heute der oder die „Optimale“. Was früher Wesenseigenschaften waren, sind heute Leistungskriterien. In der modernen Liebesform geht es nicht um das Wesen der Romantik, sondern nur um ihre Hülle. Wir benutzen Romantik als Erkennungscode für etwas Bedeutungsvolles, als eine Art Symbolsprache, die jeder versteht. Wir spielen Bullshit-Bingo mit Herzchensymbolik. Im Grunde verabscheuen wir die Romantik, denn am liebsten mögen wir es pragmatisch. In der modernen Liebesbeziehung hat sie schon längst keinen wirklichen Platz mehr. In der Regel wird sie verdrängt durch die Berechnung der Kosten und Nutzen der Partnerschaft, die akribische Dauervermessung der eigenen Freiheitssphäre und den Vergleich des eigenen Emotionskontos mit dem des Partners. Das Abschöpfen des sozialen Belohnungswerts der Beziehung nennen wir Liebe. Sie ist kaum mehr als ein Kitt, der unsere plüschige, kleinbürgerliche Selbstverwirklichungswelt zusammenhalten soll. Dafür wollen wir ernsthaft einen Feiertag?

Die romantische Idee war nie so gefährdet wie jetzt. Sie hat es in den letzten 200 Jahren aus dem Kreis einiger subversiver Studienfreunde namens Schlegel, Novalis, Tieck und Brentano zur Massenkultur Hollywoods gebracht, sie hat Kirchenmacht, Staatsmacht und Ideologien überlebt – um nun vom Einzelnen selbst den Garaus gemacht zu bekommen. Gegen externe Bedrohungen entwickelte sich die Romantik prächtig. Gegen die interne Bedrohung in unseren Köpfen ist sie machtlos. Unser eigenes zwanghaft ökonomisches Optimierungsdenken, das sich laut dem französischen Philosophen Gilles Deleuze gasförmig in alle Lebensbereiche schleicht, zerstört die Liebe. Das Verlieben ist heute nicht mehr das Gefühl des Ausgeliefertseins an eine Himmelsmacht, es ist eine „Passt-genau!“-Überzeugung und damit in etwa so romantisch wie das metallische Klicken der vielen Vorhängeschlösser, die als Beweis dafür heute an Brücken gehängt werden. Dabei könnten wir durchaus anders lieben, wenn wir wollten. Die moderne Art zu lieben beruht auf einem Widerspruch: Obwohl wir immer geplanter, effizienter und kalkulierter an die Partnersuche herangehen, verlieben wir uns seltener, wechseln die Partner häufiger als früher, heiraten später, trennen uns öfter und leben so zahlreich alleine wie noch nie. Und wenn wir lieben, tun wir es zwischen den Wachtürmen der ökonomischen Konvention, obwohl wir noch nie so frei, weltoffen, tolerant und aufgeklärt waren wie heute. Was hat die Ökonomisierung in der Liebe bewirkt? Harmlos ist sie vor allem geworden, das ist das Schlimmste, was man ihr vorwerfen muss. Ein gänzlich „ordentliches Gefühl“, das den Sachzwängen des Alltags folgt.

„Die Liebe muss neu erfunden werden!“, verlangte einst der französische Dichter Arthur Rimbaud. In der Tat. Vielleicht taugt der Valentinstag ja noch dafür, sich darüber Gedanken zu machen. Wie wäre es zur Abwechslung mit einem Auslieferungsabkommen mit uns selbst? Geben wir uns häufiger der eigenen Unvernunft hin und stellen wir Gefühl über Kalkül! Entscheiden wir uns für das dicke Mädchen mit den Sommersprossen oder den etwas zu kurz geratenen, aber humorvollen Pizzabäcker! Löschen wir unsere Onlineprofile und entdecken wir die Liebe jenseits der inszenierten Choreographie der Populärromantik. Als eine besondere Form der Improvisationskunst.

Der Autor ist Jurist, Essayist und Dozent an der Sorbonne. Er lebt in Paris und Berlin. Am 3. März erscheint sein Buch: „Das romantische Manifest – Schluss mit der Suche nach der perfekten Liebe“ (Ch. Links Verlag).

Der Artikel erschien am 14.02.2014 in der WELT. Hier die Online-Version: http://www.welt.de/debatte/kommentare/article124815468/Wir-koennten-anders-lieben-wenn-wir-nur-wollten.html

Facebook/romantischesmanifest

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Das romantische Manifest_Cover

http://www.amazon.de/Das-romantische-Manifest-Schluss-perfekten/dp/3861537621/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1391972589&sr=8-1&keywords=das+romantische+Manifest+Matuschek

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Hansi Hirsch lüftet endlich sein Geheimnis. Wer ist er eigentlich? Wie bekam er die Frauen rum? Bekam er überhaupt welche rum?

Und was passierte untenrum?

Der „Macho auf Test-Tour“.

JETZT im neuen FOCUS.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Ab jetzt bei Amazon, itunes, Barnes & Noble und epubli.de.

Nominiert für den „Neuen Buchpreis 2012“.

 

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Artikel in der WAMS v. 15.07.2012:

http://www.welt.de/partnerschaft/article108303639/Traurige-Gestalten-Mogeleien-und-Stativ-Juergen.html

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Schneller, einfacher, besser? Singlebörsen im Internet versprechen viel. Doch oft scheitern wir dank ihnen nur noch effizienter an uns selbst. Haben wir durch das Internet verlernt zu lieben? Ein Plädoyer für die analoge Romantik.

 

F. (48) ist einfach nicht mehr bereit, Kompromisse einzugehen. „Du musst unbedingt mit meiner Katze Mirko klarkommen“, schreibt die 44-jährige Berlinerin in ihrem Profil auf der Dating-Plattform „Finya“. Chiffre X022575, weiblich, 29 aus Frankfurt hat andere Sorgen. „Bist du jemand, der auch in seiner Freizeit gerne Hemden trägt?“, will sie auf ihrem Profil vom zukünftigen „Elitepartner“ wissen. „GroßerBär58“ verfällt sogar in Anglizismen: „She’s got to be perfect!“ lautet seine Vorstellung von der richtigen Partnerin.

Kann man die Liebe finden, wenn man kriterienbasiert nach ihr sucht, wie nach einem Gebrauchtwagen? Das romantische Liebesideal sagt: das geht nicht. „Die Liebe ist ein rebellischer Vogel, der keinem Gesetz gehorcht“, heißt es in Bizets Oper „Carmen“. „Liebst du mich, lieb ich dich nicht, und liebst du mich nicht, dann lieb ich dich.“ Romantik und Planbarkeit schließen sich aus. Nicht Zahlen und Figuren sind Schlüssel aller Kreaturen, meinte der Dichter Novalis. Der Zufall, die Himmelsmacht, das Schicksal sollen es richten.

Das ökonomische Liebesideal unserer Zeit sieht das anders. Liebe ist demnach das Ergebnis einer Rechnung. Nach der modernen Sichtweise ist der rebellische Vogel Liebe gar nicht so widerspenstig, sondern läßt sich durch das kalte, unsichtbare Händchen des Marktes einfangen. Jährlich kommen etwa ein halbes Dutzend Ratgeber auf den Markt, deren Autoren die Zauberformeln der Liebe entdeckt haben wollen. Die großen Partnervermittlungen im Internet, wie Parship und Elitepartner, stützen sich auf die Allmacht der Algorithmen, auf Zahlen und Figuren. Etwa acht Millionen Deutsche folgen dieser modernen Verheißung und suchen im Internet nach der Liebe für’s Leben oder auch nur für Zwischendurch.

Die Möglichkeit der Liebe aus dem Netz klingt verführerisch und hat handfeste Vorteile. Profile anzuklicken ist risikoloser, einfacher und diskreter als in verrauchten Eckkneipen zu sitzen, sich auf Ü-Irgendwas-Partys mit Herzchen und Nummer auf der Brust zur Reste-Rampe stempeln zu lassen oder darauf zu hoffen, dass einem im Alltag die Liebe in den Schoß fällt. Ob Liebe 2.0 Spaß macht, ist dabei oft nicht die Frage. Für viele, wie Singles über 40 oder alleinerziehende Mütter ist sie oft die einzige realistische Möglichkeit.

Liebe 2.0 – Wenn schon scheitern, dann zumindest effizient?

Aber bringt es auch mehr? Es ist zweifelhaft, ob die Onlinebörsen ihr Heilsversprechen tatsächlich einlösen können oder sogar wollen. Die Plattformen werben gerne mit Expertenmeinungen von Psychologen, der Wissenschaftlichkeit ihrer Tests und Videos von glücklichen Pärchen. Doch wie effektiv die Suche tatsächlich ist, darüber halten sich die Unternehmen bedeckt.

Vielleicht aus gutem Grund: Denn Werbeversprechen und Geschäftskonzept der Online-Partnervermittlungen scheinen sich zu widersprechen. Wäre die Partnervermittlung tatsächlich so erfolgreich, dann wären die Unternehmen schnell Opfer ihres eigenen Erfolgs. Denn verdient wird in der Regel nicht am Erfolg, sondern am Mißerfolg der Partnersuchenden. Je länger die Suche dauert, desto besser. Zudem ist augenfällig, dass sich statistisch wenig auf dem Singlemarkt verändert hat. Obwohl heutzutage die Partnersuche so effizient und berechnend gestaltet werden kann wie noch nie, ist die Zahl der Singlehaushalte heute höher als noch vor fünf oder zehn Jahren. Kein digitaler Frühling, nirgends.

Schließlich mehren sich die Zweifel, ob sich der Mensch verhaltensökonomisch überhaupt für das Onlinedating eignet. Aus einem Pool von drei Millionen Singls auswählen zu können klingt auf den ersten Blick verheißungsvoll. Forscher warnen jedoch vor dem sogenannten „Choice Overload“. Ein „Zuviel“ an Entscheidungsmöglichkeiten führt oft nicht zu besseren Entscheidungen, sondern verhindert sie sogar. Auch die Effektivität von Matchingsystemen, die den Erfolg einer Beziehung aus der Kompatibilität bestimmter Eigenschaften berechnen wollen, wurde in einer neueren Studie aus psychologischer Sicht angezweifelt.

In der Tat grenzt eine Vorhersage über zwei Menschen, die sich noch nie begegnet sind an Kaffeesatzleserei. Es fängt damit an, dass Persönlichkeitsprofile auf eigenen Angaben beruhen, was zu einer normalen narzisstischen Verzerrung der Ergebnisse führt, und endet bei der nahezu unmöglichen Gewichtung von Präferenzen. Ist es nur „ganz nett“, wenn der Traumpartner auch in der Freizeit Hemden trägt? Oder ist es ein „Muss“? Und warum sollen sich zwei Tennisspieler aus der gleichen Region mit 100 Matchingpunkten plötzlich über das Internet verlieben, wenn sie sich schon im Clubhaus nicht sympathisch waren?

Liebst du noch oder shoppst du schon?

Onlinedating ist heute Mainstream. Und weit mehr als nur ein Weg unter vielen in der Partnersuche. Die Welt der Singlebörsen ist mit ihrer Formensprache der Profile, Nicknames, Plus/Minus-Listen, matching-points und Erfolgsbilanzen ein Abbild unseres modernen Liebesverständnisses. Nirgendwo sonst treffen romantisches und ökonomisches Liebesideal so direkt aufeinander, wie im Netz. Hier der tiefsitzende Glaube an den „einen richtigen Menschen“ im Leben und die Verheißung, diesen aus einer Datenmenge zu filtern; dort der effizient-verbissene Selektions-Mechanismus des Portals. Himmelsmacht trifft Konsumästhetik. Ist das noch Liebe oder betreibt der moderne Mensch lovenomics, eine mit populärromantischen Symbolen nur mühsam cachierte Auswahl nach Leistungskriterien?

Das Internet hat unser Verständnis von Liebe neu codiert. Folgt man der Choreographie des Internets, steht die Liebe nicht am Anfang einer vielleicht zufälligen Begegnung, sondern am Ende eines Casting-Prozesses. Sie ist das Ergebnis einer Vorauswahl, zwingt in ein striktes „Wenn-dann-Schema“ und lässt kaum Raum für ein überaschendes Sich-Einlassen auf eine Person. Das Internet verhindert Begegnungen, an deren Anfang ein „obwohl“, „trotzdem“ oder „mal sehen“ steht. Wehe, es ist nicht perfekt. Die moderne Liebe ist damit im Grunde reaktionär: Sie gleicht dem ökonomisch gelenkten Arrangement des 18. Jahrhunderts. Algorithmen, Matchingpunkte und das Prinzip des Tauschmarktes sind die modernen Kuppler. Die Liebe als egalitäres, schichtenübergreifendes Phänomen gerät dadurch in Gefahr.

Dabei bildet die lovenomische Verbindung von Gefühl und Kalkül selbst eine unheilvolle Allianz voller Widersprüche. Gesucht wird ein Mensch. Beim Onlinedating ist dieser jedoch nur die Summe seiner selling points. Das „Ich“ ist ein Profil: Größe, Alter, Aussehen, Bildungsgrad, Beruf, Lieblingsmarken. „Niemand kann heute ein Subjekt werden, ohne sich in eine Ware zu verwandeln“, schreibt der französische Soziologe Zygmunt Bauman. Doch wie soll man bei dieser Art des Lebenslaufdatings noch authentisch sein, wenn man sich selbst in ein Erwartungskorsett geschnürt hat? Wie soll bedingungslose und zweckfreie Liebe entstehen, wenn der Wert des Einzelnen anhand des Tauschwertes seiner Eigenschaften bestimmt wird? Das Onlinedating zwingt seine User auf subtile Weise, den Glauben an die nackte Liebenswürdigkeit aufzugeben. Das ist der Preis des Kennenlernerfolgs. Dass wir es freiwillig tun, verleiht dem Ganzen tragische Züge. In der Moderne, so scheint es, wird die Liebe nicht mehr durch gesellschaftliche Zwänge bedroht, sondern durch das zwanghaft berechnende Verhalten des Einzelnen.

Die Enttäuschung, die so eigentlich ausgeklammert werden soll, wird Bestandteil des Systems. Die Vorstellung des Soziologen Niklas Luhmann, dass der moderne Mensch bereits in ein Bild vom Partner verliebt ist, bevor er ihn trifft, wird beim Onlinedating institutionalisiert. Liebe 2.0 ist vor allem ein Abscannen und Abgleichen von Leistungsprofilen mit dem eigenen Bedürfnisschema. Das Verlieben im Internet ist der massenweise Versuch, ein individuell vorgestelltes Bild vom richtigen Partner in die Realität umzusetzen. Doch wo ein Bild existiert, ist die Erwartung an das Gegenüber statisch. Er oder sie soll wie ein Produkt sein, das sich zwischen Kauf und Konsum nicht mehr verändert. Offenbar ist es ein menschliches Bedürfnis, das Beziehungsleben enttäuschungsfest auszugestalten und dabei den Unsicherheitsfaktor Mensch unter Kontrolle zu bringen, wie in Bertolt Brechts Geschichte: „Was machen Sie, wenn Sie einen Menschen lieben?“, wurde Herr Keuner gefragt. „Ich mache einen Entwurf von ihm und sorge, dass er ihm ähnlich wird“.„Der Entwurf?“„Nein, der Mensch.“

Von Wireless LAN zu Wireless Love

Das Phänomen des Onlinedatings ist symptomatisch für unsere Zeit und bietet eine gute Gelegenheit, sich zu fragen, was Liebe heutzutage eigentlich bedeutet. Gibt es überhaupt noch Lebensbereiche, in denen wir einfach „wir selbst“ sind oder geht es immer nur um einen erfolgreichen Tausch und das beste Geschäft? Können wir überhaupt noch unterscheiden zwischen dem Gefühl der Liebe und der Freude über ein Schnäppchen? Oder sind wir erst zufrieden, wenn wir mehr gewinnen als wir eigentlich „verdient“ hätten? Wer wie „GroßerBär58“ nach der „Miss-Perfect“ sucht, wird täglich 100 Profile sehen, auf die seine Vorstellung von Perfektion zutreffen könnte, aber vielleicht die „Richtige“ übersehen. Wir sehen Liebe als Projekt, den Partner als Produkt und verhindern Glück, weil wir verlernt haben, Liebe noch anders zu betrachten als durch die ökonomische Brille. Kurz: Unser Effizienzdenken ist nicht selten der eigentliche Liebesverhinderungsmechanismus.

Die Liebe hat es heutzutage auch deshalb so schwer, weil sie mit sachfremden Ansprüchen und zu hohen Erwartungen aufgeladen ist. Liebe ist heute eine Art privater All-inclusive-Wohlfühlpark für zwei, in dem es oft überwiegend um Wellness-Gefühle, Stabilisierung des persönlichen Weltbildes und Anerkennung geht. Die Liebenden gleichen Animateuren, die sich gegenseitig bespaßen müssen, um sich nicht zu verlieren. Wir zahlen einander in einer Fun-Währung aus und verlangen dafür nicht weniger als eine emotionale Rundumversorgung. Erst durch die Bereitstellung von Erlebnisdichte und immer höhere Investitionen in emotionale Ressourcen läßt sich scheinbar die Unausweichlichkeit der Zusammengehörigkeit trotz des vorangegangenen Arrangements belegen. Liebe als inszeniertes Freizeitkonzept? Für die israelische Soziologin Eva Illouz ist die Liebe im Kapitalismus ohne eine gewisse Emotionskultur nicht denkbar.

In der heutigen Multioptionenwelt einem hedonistischen Nutzenkalkül zu verfallen, ist leicht. Das Internet suggeriert eine schier endlose Auswahl scheinbar verfügbarer potentieller Partner. Wer will, kann ein reges Partnerhopping betreiben, immer wieder auf der Welle des zauberhaften Anfangsgefühls reiten und den durch wechselnde Partner vermittelten Sinnüberschuss abschöpfen, wie die Sahne von der Milch. Zum Schluss lieben wir vielleicht so, wie wir ins Internet gehen: immer auf wechselnden „Hot Spots“, kabellos, ohne Vertragsbindung und Grundgebühr, aber bei vollem Netzempfang. Von Wireless LAN zu Wireless Love. Ob uns das glücklicher macht?

Entdecken wir die analoge Romantik neu!

In unserer weitgehend entzauberten, vernunftbasierten Welt hat es das Konzept der Romantik schwer. Denn romantische Liebe bedeutet immer auch Hingabe an das Gefühl und Kontrollverlust. Sie ist ein süßes Ausgeliefertsein bis hin zum Leiden, der Passion. Für eine Gesellschaft der Nutzenoptimierer und Kontrollfreaks klingt Romantik vor allem nach roten Zahlen auf dem Emotionskonto.

Dabei könnte sich unsere Zeit mehr als je zuvor eine Konjunktur der Gefühle erlauben. Sexualität und Familienplanung sind entkoppelt. Die Frau ist ökonomisch nicht mehr vom Mann abhängig. Die Ehe ist keine einseitige Versorgungsgemeinschaft mehr. Gemessen an den gesellschaftlichen Errungenschaften ist unsere Art zu lieben vormodern. Ein neues Zeitalter der Neoromantik könnte zu Ende bringen, was der Romantik zu Beginn des 19. Jahrhunderts nie vollständig gelungen ist: nämlich die Wurzeln zur griechischen Vorstellungswelt der Antike zu kappen, in der Liebe und Nutzen im Konzept des Haushalts vereint waren. Heute dürfte die Liebe einfach das sein, „was es ist“, wie es in einem Gedicht Erich Frieds heißt, ganz funktionslos und zweckfrei.

Liebe gilt neben der Gesundheit als wichtigste Quelle persönlichen Glücks. Wir wollen „ankommen“. Aber im Konsum-Modus hört die Suche nie auf. Der Stellenwert der Romantik in der Populärkultur täuscht: tatsächlich ist die Liebe heute dem Alltag untergeordnet. Sie ist Freizeitinhalt. Ein Kitt für die alltäglichen Arbeitsabläufe. Und oft ein Vorwand, um Aufopferung, Gehorsam und Selbstaufgabe vom anderen zu erzwingen. Eine Wiederkehr der Romantik würde die Achsen des Lebensmittelpunktes verschieben, weg vom Zentralismus der Erwerbsarbeit, hin zur Frage nach dem idealen Lebenskonzept.

Romantische Liebe bedeutet letztlich, einen einzigartigen Blick für die andere Person und das in ihr liegende Wesentliche zu haben. Etwas zu sehen, was sonst niemand sieht. Über das Internet gelingt das kaum. Hier sieht man nur, was jeder sieht. Der Blick des Konsumenten ist der Blick auf bestimmte Eigenschaften. Im Internet geht es, mit Erich Fromm gesprochen, um Liebe als „Habensmodus“ und nicht als „Seinsmodus“.

Liebe ist immer ein Wagnis. Soziologisch gesprochen ist es ein enormes Risiko, auf etwas so Fragil-flatterhaftes wie Gefühle zu vertrauen. Dennoch gibt es keinen Lebensbereich, der uns so ausfüllt. Lassen wir uns auf das Risiko ein, anstatt es durch eine Vorauswahl im Internet künstlich verringern zu wollen. Was haben wir zu verlieren? Die romantische Liebe ist ein junges Konzept, kaum mehr als 200 Jahre alt. Es liegt nur an uns, sie zu gestalten.

Deshalb: Löscht die Onlineprofile! Kalkül war noch nie ein guter Ratgeber für das Gefühl.

Vergesst den täglichen Aktivitätsreport des Onlineportals! Ein Mehr an Effizienz hat in der Liebe bisher nicht mehr gebracht, warum soll das in Zukunft anders sein?

Ignoriert die täglichen Mails mit der Warnung „Ihr Profil ist nur zu 70% ausgefüllt“! Jeder will doch geliebt werden für das was er ist und nicht für das, was er bietet. Oder sucht man einen perfekten Angestellten?

Vielleicht entdecken wir erst analog wieder den Blick für das Besondere im anderen Menschen. Es kann die pummlige Obsthändlerin um die Ecke oder der etwas zu kurz geratene Kellner aus der Lieblingspizzeria sein. Weil alle Maßstäbe verschwimmen, wenn das Gefühl stimmt. In dem Film „Liebe am Nachmittag“ erzählt eine Frau Gary Cooper, dass sie sich zu dünn finde, einen zu langen Nacken und zu große Ohren habe, worauf er antwortet: „Das mag sein, aber ich mag die Art, wie alles zusammenhängt.“ Die Frau ist Audrey Hepburn. Ob er auf ihre Beschreibung in einem Onlineprofil überhaupt geantwortet hätte?

Der Artikel ist erstmals am 24. Juni bei Cicero Online erschienen: http://www.cicero.de/salon/sehnsucht-onlinedating-verliebt-euch-doch-einfach/49801

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Erst der Feminismus hat den Mann zu dem gemacht, was er heute ist. Und das wird ihm nun auch noch vorgeworfen? Warum man sich die aktuelle Männerdebatte sparen kann.

Das Jahr fing nicht gut an für den modernen Mann. Der Neujahrskater war noch nicht ganz ausgeheilt, da hatte Nina Pauer im Feuilleton der ZEIT unter dem Titel „Schmerzensmänner“ schon den ersten Tiefschlag für ihre männlichen Zeitgenossen parat. Verweichlicht seien diese, unentschlossen, zögerlich, verkopft: irgendwie unmännlich eben. Seitdem sind ein paar Wochen vergangen. Reagiert wurde viel auf diese These, überwiegend waren es Frauen. Wo sind die Männer geblieben? Spielen sie noch im Sandkasten? Machen sie beim Baby-Yoga mit? Üben sie fleißig Gitarre, um ja nicht in die Verlegenheit zu geraten, mal eine Frau erobern zu müssen?

Es ist unklar und letztlich auch egal, ob hier plötzlich der schüchterne Tocotronic-Hörer und Tagebuchschreiber unfreiwillig zum repräsentativen Männertypus erhoben wurde. Nina Pauers Essay war deshalb so wirkmächtig, weil sie mit ihrer Diagnose richtig liegt. Der moderne Mann ist seit 30 Jahren konzeptionell verstummt. Er ist in der Defensive und hat im Grunde nur die Wahl zwischen Anpassung und der Lächerlichkeit des Machismus. Die Abwertung des Mannes Richtung Trottel zeigt sich am deutlichsten in der Werbung: Da klebt er Knöpfe an, statt sie anzunähen (wie dumm er doch ist, die schlaue Frau trinkt stattdessen Kaffee), beschmutzt sich beim Spielen das Hemd (wie die Kinder) und als Verführer ist er ohnehin unbrauchbar, da er die hohe Kunst der „Duplomatie“ nicht begreift. Einem Zigarettenhersteller reicht es, wenn der Mann den Sprung vom „maybe“ zum „be“ schafft. Vor zwanzig Jahren musste er noch nicht zum Sein getragen werden. Da konnte er noch als Cowboy Wildpferde mit dem Lasso einfangen und dabei beiläufig die Kippe im Mundwinkel balancieren.

Bitte kein Geschlechterrollensqueezing mehr!

Der Feminismus hat den Mann mehr geändert als die Frau. Diese wollte immer nur ihren Platz in der Gesellschaft und ein Stück von dieser Welt in Form von Gleichberechtigung. Anstatt dies einfach zu akzeptieren, hat der moderne Mann angefangen, sich selbst Fragen zu stellen. Die verheerendste von allen war: „was wollen Frauen eigentlich wirklich?“ Diese Frage ist deshalb so verheerend, weil sich am Grundbedürfnis der Frau trotz des Wunsches nach Gleichberechtigung und beruflichen Aufstiegschancen in Bezug auf Männer gar nicht so viel verändert hat. Gewünscht wird nach wie vor der Mann, der einen Weltentwurf im Gepäck hat. Der weiß, was er will und der sich nimmt, was ihm zusteht. Und der um Himmels Willen nicht vor dem ersten Kuss um Erlaubnis fragt!

Die Frauenbewegung verlangte, dass der Mann sich ändern muss und er folgte. So wurde er vom groben Klotz erst zum Softie, dann zum Metro und ist jetzt, ja was eigentlich? Ein androgyner Nerd? Ein Frauenversteher mit Stoppelbart? Egal. Es hat ihm ohnehin nichts genutzt. Er hat sich verändert und hat verloren. Denn nachdem ihm die Frau mit ihrer kollektiven Umgestaltungsneurose jede Männlichkeit aberzogen hat, dreht sie ihm nun aus seiner Formbarkeit den Strick. Und lässt seine Männlichkeit den zweiten Tod sterben. Sei so! Nein, anders! Hach, ich weiß nicht. Sei Mann! Die Katze des Feminismus beißt sich nun selbst in den Schwanz.

So zutreffend die Verweichlichungsdiagnose Pauers auch ist, der Mann von heute ist gut beraten, diesen erneuten Versuch des Geschlechterrollensqueezings milde zu überhören und einem Anpassungsversuch zu widerstehen. Das Problem ist banal: jede dieser Aufforderungen trägt den Keim des Scheiterns bereits in sich. Denn egal was auch immer männlich ist: Äußerst unmännlich ist jedenfalls, sich täglich darüber Gedanken zu machen, was man als Mann tun sollte, um dem femininen Zeitgeist möglichst genau zu entsprechen. Das ist unsexy. Es gibt schlicht keine Geburt der Männlichkeit aus dem Geiste weiblichen Gestaltungswillens. Das Ganze gleicht dem tautologischen Versuch eines Elternpaares, ihr übermäßig folgsames Kind von der Idee des freien Willens zu überzeugen indem sie fordern: „Widersprich doch endlich mal!“

Rollenkritik ist Produktreklamation

Der Anpassungsreflex sollte auch deshalb unterbleiben, weil es endlich an der Zeit ist, aus dem jahrzehntelangen Kriterien- und Rollenkarussell auszusteigen, unter dem beide Geschlechter leiden. Sowohl Männer als auch Frauen sind lange genug dem Bild eines Centauren hinterhergerannt, einem Fabelwesen, das sich widersprechende Kriterien in sich vereint: beim Mann ist es der fürsorglich-sensible Macho, bei der Frau ist es die „Kumpelmutterhure“. Und dann soll sich der Partner wie ein Proteus noch ständig ändern können. Er soll zu uns passen, wie die Tasche zur Hose oder der Lippenstift zu den Schuhen. Wie ein Modeaccessoire. Anstatt das Heilsversprechen in einem neuen Bild zu suchen, könnte man ja mal zur Abwechslung das Gegenüber so nehmen, wie es ist. Ohne Upgrade, Extras oder Szenepolitur.

Die Sehnsucht nach dem Partner als perfektem Kriterienweihnachtsbaum fürs Wohnzimmer offenbart den Grad an Ökonomisierung der modernen Liebe und Partnerwahl. Oder wie es der Soziologe Zygmunt Bauman ausdrückt: „In der Konsumgesellschaft kann niemand ein Subjekt werden, ohne sich zuerst in eine Ware zu verwandeln“. Wir daten nicht mehr, wir shoppen. Wir sehen die Liebe als Projekt, den Partner als Produkt, die Beziehung als Lieferant für angenehme emotionale Ressourcen. Wir lieben nicht mehr, sondern betreiben lovenomics, einen mit romantischen Symbolen angereicherten Austausch emotionaler benefits. Es soll schon Juristenpärchen gegeben haben, die sich wegen der Examensnote getrennt haben; nur um nach dem geglückten Verbesserungsversuch wieder zusammenzukommen. Rollenkritik hat deshalb etwas von Produktreklamation. „Das habe ich so nicht bestellt. Kann man das noch ändern? Ich habe doch Rückgaberecht, oder?“

Es ist dann auch kein Wunder, dass Männer dort zurückhaltender sind, wo Frauen berechnender und fordernder werden. Vielleicht ist die vermeintliche Unentschlossenheit tatsächlich nur ein „Abgeturntsein“, eine stille Rebellion gegen die Planerfüllungsabsicht einer aufstrebenden Frauengeneration, die bisher alles bekommen hat? Abi mit 18, Master mit 24, dann den Traumjob. Jetzt muss der Mann her. Ich will! Ich will! Ich will! Und dann castet sie ihre Männchen durch, die es so eilig gar nicht haben. Modernes Dating ist eine Mischung aus Assessment-Center und „Hart aber Fair“. Die Entscheidung fällt erst, wenn der Faktencheck zufriedenstellend ausfällt. Von allen Frauen, die ich bisher getroffen habe, waren die Dates mit Akademikerinnen um die 30 die anstrengendsten. Immer wieder leuchtet das Licht des Ganzkörperscans auf, das Date endet auf der letzten Seite der Checkliste. Wenn alles passt, darf die große Liebe kommen! Und dafür wollt ihr einen Kuss?

Vielleicht brauchen wir einen neuen Geschlechterdeal: Junge Frauen hören auf, Partnershopping und Lebenslaufdating zu betreiben und die jungen Männer packen dafür etwas kräftiger zu. Im Ernst. Unsere Generation könnte es sich leisten, in der Liebe mehr dem Gefühl zu vertrauen und weniger zu planen und zu kalkulieren. Trotz Matchingpoints und gepimpter Onlinedatingprofile steigt die Anzahl der Singlehaushalte beständig. Effizienz und Planung in allen Lebensbereichen hat uns in der Liebe nicht angenähert. „Eine gute Unordnung ist besser als eine schlechte Ordnung“ wusste der Romantiker Ludwig Tieck. Wenn wir das beherzigen, finden sich Männchen und Weibchen vielleicht plötzlich von ganz alleine wieder, steigen von ihrer Meta-Wolke herunter und fragen sich: Warum ist es auf einmal so einfach?

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Interview mit Milosz Matuschek vom 31.12.2011 zu Partnersuche, moderner Liebe, Onlinedating, nachzuhören ab Minute 51:45 unter:

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In Kürze geht es hier wieder mit mehr Inhalt weiter!

Bis dahin – nicht verzagen!

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„Was tun Sie?“, wurde Herr K. gefragt, „wenn Sie einen Menschen lieben?“ “ Ich mache einen Entwurf von ihm“, sagte Herr K., „und sorge, dass er ihm ähnlich wird.“ „Wer? Der Entwurf?“ „Nein“, sagte Herr K., „Der Mensch.“

(Brecht, Geschichte vom Herrn Keuner, zitiert nach Zizek, Slavoj, Die politische Suspension des Ethischen S. 11, Suhrkamp).

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Lovenomics = „Love“ + „economics“: Die Formel für moderne Liebe

Thesen:

1. Die moderne Art zu lieben ist die des effizientesten Umgangs mit der Ressource „Emotion“. Niemand ist mehr bereit, sich unbefangen der Liebe „hinzugeben“, wenn das Return-On-Investment nicht gesichert ist. Dies verhindert auf Dauer die Entstehung von Gefühlen.

2. Die moderne Art zu lieben charakterisiert sich durch eine kriterienortientierte Auswahlentscheidung für einen Partner („economics“) und deren Anknüpfung an romantische Codes  der Alltagskultur („love“). Verliebtsein lässt sich angeblich planen und umsetzen wie ein Projekt.

3. Der Lovenomics-Mensch ist dauerverliebt in das vorgestellte Idealbild vom richtigen Partner. Das Kennenlernen ist ein Abscannprozess der Eigenschaften des Gegenübers und ein Vergleich mit dem des Idealbilds. Erst wenn eine tatsächliche oder vorgestellte Übereinstimmung gegeben ist, „verliebt“ man sich. Man bedient sich einer  geistig stets präsenten „+/- Liste“. Das „Verlieben“ gestaltet sich wie ein Shopping-Prozess.

4. Der Umgang mit dem Partner gleicht dem mit einer erworbenen Ware. Der Partner ist Wellness-Faktor und soll Anerkennung, Aufwertung, Stabilität und Identitätsfindung vermitteln. Liebe ist heute zu einer „Anerkennungswährung“ geworden, die man sich verdienen muss.

5. Weichen Eigenschaften des Partners irgendwann von den „vereinbarten“ bzw. „zugesicherten“ ab, werden Gewährleistungsansprüche geltend gemacht, angefangen mit der Nachbesserung bis hin zur Neudefinition der Geschäftsgrundlage oder dem Rücktritt. Diesem Prozess geht gerne auch eine „Probezeit“ voraus.

6. Die Lovenomics-Liebe beruht auf dem „All-inclusive“-Gedanken. Beide Partner begegnen sich mit den höchsten Ansprüchen an ihr Gegenüber. Beide suchen den Hauptgewinn für sich selbst. Dieser stellt sich dann ein, wenn man – ähnlich wie beim Einkaufen – „ein Schnäppchen“ gemacht hat, also einen Partner mit höherem Marktwert für sich gewonnen hat, als man selbst verdient.

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2 Männer, Anfang 30 aus Berlin.

Ein Problem: Wie findet man die Frau für´s Leben?

Der Theoretiker hat mit der aktiven Partnersuche abgeschlossen. Er glaubt: wir lieben nicht mehr, sondern betreiben Lovenomics.

Der Praktiker Hansi Hirsch dagegen hat beschlossen, die Partnersuche so effizient wie möglich zu gestalten, dabei seine Traumfrau zu finden und nebenher von seiner Suche zu berichten.

Dies ist eine gemeinsame Reise. Nicht immer ganz schmerzfrei. Und nichts für Kleinhirnküken. Sei dabei!

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